Was Afrika mich lehrte

Nachdenkliches zu Glück und Reichtum

Gerade komme ich wieder aus einem Land, in dem Glück und Reichtum ganz anders bewertet werden, als hier in Deutschland. Vier Wochen war ich in Schwarzafrika, Mosambik. Was ich dort gesehen und erlebt habe, lässt mich doch sehr nachdenklich zurück und nun erhalten beide Begriffe für mich eine ganz andere Bedeutung.

Alles was ich hier beschreibe, ist meine ganz persönliche Wahrnehmung – stellt keinesfalls einen Vergleich dar.

Reichtum – was ist das für mich?

Was ist Reichtum und was bedeutet er für mich? Habe ich mir diese Frage schon einmal bewusst gestellt, wie reich ich tatsächlich bin, in welchem Wohlstand ich lebe? Ich gebe zu, so wirklich habe ich mich mit diesem Gedanken noch nie beschäftigt. Alles scheint so normal und selbstverständlich. Doch jetzt möchte der Gedanke, dass ich tiefer einsteige.

Was ist es, das mich reich fühlen lässt? Und habe ich das schon jemals gefühlt? Steigt nicht gleichzeitig ein anderer Gedanke in mir auf, dass ich mich mehr arm als reich fühle? Mit wem vergleiche ich mich dann?

In der westlichen Welt wird Geld mit Reichtum gleichgesetzt. Das ist jedoch ein großer und tragischer Irrtum. Wenn sich der Reichtum nur auf Geld beschränkt, ist das nur die halbe Miete, um glücklich zu sein.

Ich weiß, dass es auch in Afrika Menschen gibt, die viel Geld besitzen und sich auf Kosten anderer bereichern. Wirklich glücklich sind sie jedoch mit ihrem Geld nicht, da die Angst sie umtreibt, ihre „Reichtümer“ wieder zu verlieren. Oftmals werden sie von Menschen bewacht, die sie und ihr Eigentum beschützen.

Wird die rein materielle Ebene betrachtet, dann sind die Menschen in Afrika arm. Geld,  Aus-/Weiterbildung und Jobs sind Mangelware.

Das Leben leben

Vielmehr schildere ich, wie die meisten Menschen mit dieser scheinbaren „Armut“ umgehen, welche Werte sie besitzen.

Das hat mich jeden Tag wieder beeindruckt: So viele Menschen waren einfach glücklich und dankbar, ohne einen besonderen Anlass. Mit einem kleinen Stand bestreiten sie ihren Lebensunterhalt. Geduldig und vertrauensvoll warten sie auf ihre Kunden und vertreiben sich die Zeit mit Gesprächen und Lachen. Sie bieten das an, was sie auf dem Feld anbauen und ernten – meistens Früchte und Gemüse. Andere wieder verkaufen Brot oder Dinge, die wir längst weggeworfen hätten. Viele meistern ihr Leben mit einer großen Gelassenheit – davon kann ich nur lernen!

Wir werfen vieles einfach in den Müll. In Afrika wird möglichst  vieles wieder verwendet. Im Haus meiner Freunde wurden sogar Plastiktüren ausgewaschen.

Es hat mich immer wieder erstaunt, woraus neue Dinge entstanden sind, die bei uns als wertlos gelten. Schon die kleinen Kinder beweisen Kreativität und bauen sich aus alten Reifen oder Kanistern Spielzeug. Da war sogar ich platt.

Verbundenheit und Empathie

Oft fragte ich mich innerlich: „Wie können diese Menschen so glücklich sein, obwohl sie doch so wenig besitzen?“ Auch dort ist mir wieder das „Es ist, wie es ist“ begegnet. Das hat nichts mit resignieren oder aufgeben zu tun. Nein, es ist die Gewissheit und Gelassenheit, dass es im Leben Herausforderungen zu überwinden gibt. Sie stellen sich dem Leben. Egal, was passiert.  Sie wissen, dort liegt die Kraft.

Das ist ihre Lebensphilosophie.

Als Verbundenheit wird in der Psychologie der Kommunikation das Gefühl bezeichnet, mit einer anderen Person oder einer Personengruppe zugehörig zu sein und in einer gegenseitig vertrauensvollen Beziehung zu stehen.

In Afrika wird dieses schon in der Sprache ausgedrückt. Sie bezeichnen alle Menschen als ihre Schwestern und Brüder. Auch nehmen sie sich selbst mit ihren Gefühlen bewusst wahr und zeigen sie offen. Der gegenseitige Respekt und die angemessene Reaktion auf die Gefühle anderer Menschen prägen sie. Die gelebten Gefühle wie Trauer oder Schmerz werden nachempfunden. Hilfsbereitschaft aus Mitgefühl wird täglich gelebt.

Fast allen ist bewusst, dass sie miteinander verbunden sind und eine Trennung von Gott (wähle für Dich ein passendes Wort) für sie nicht besteht.

Was mir besonders auffiel:

Es wurde selten gemeckert, keiner lebte in der Vergangenheit. Auch Schicksalsschläge brechen ihren Lebenswillen nicht. Es wird versucht, sich so schnell wie möglich wieder dem täglichen Leben zuzuwenden. Es zählt das Heute, das intensiv ausgekostet wird. Es gibt ein Urvertrauen, dass sich jeden Moment etwas Besseres ereignen könnte. Das nenne ich Gottvertrauen, denn die Religion bietet einen großen Halt und ist all gegenwärtig. Sie spielt eine wesentliche Rolle im täglichen Leben.

Lebensfreude pur

Die 86-jährige vitale und hellwache Mama meiner Freunde ist für mich ein Sinnbild dieser Kraft. Jeden Morgen geht sie auf ihr Feld und kommt erst gegen 10.00/11.00 Uhr wieder zurück. Dann bekommt sie Essen und zu trinken. Völlig zufrieden widmet sie sich ihrem Gemüse vom Feld, das abends als Essen zubereitet wird. Jeden Tag erlebte ich sie ausgeglichen und zum Lachen bereit. Die Hände still halten fällt ihr schwer – außer beim Schlafen. Sonst findet sie immer eine Beschäftigung.

Zu feiern verstehen Mama und alle anderen auch. Auf meiner Geburtstagsfeier hat sie um 2.00 Uhr nachts noch ein Tanz-Solo hingelegt. Da sprang die Lebensfreude auf uns alle über und wir tanzten mit.

Zufriedenheit und Gelassenheit

Wenn ich so auf diese liebenswürdigen Menschen schaue, geht mir mein Herz auf. Ich habe das Gefühl, dass sie glücklich sind – woher kommt sonst der Mut und die Dankbarkeit für ihr Leben. Zank und Streit habe ich nie erlebt und auch keine Aggressivität. Auch ärgern sie sich weniger über etwas, was sie eh nicht ändern können. – Wie weise, denn es erspart ihnen Stress und schlechte Laune.

Hier scheint der Spruch zu gelten: In der Ruhe liegt die Kraft. Alles geht gemächlich zu (bei 35 Grad auch kein Wunder), denn Zeit hat hier eine andere Qualität. Im täglichen Alltag bietet sich ein fröhliches Bild und die Grundstimmung ist es auch. Es ist ein friedliches Miteinander, trotz der unterschiedlichen Nationalitäten und Religionen. Die Kleidung ist einfach, jedoch farbenfroh durch die bunten Tücher (Kapolana). Auch beweisen die Menschen Geschick, sich hübsch zu kleiden. Alles wirkt so lebendig! Gemeinsam Spaß zu haben, sich das Leben schön machen – das ist einfach überall zu spüren.

Gemeinschaft

Auch Menschen, die mich nie gesehen haben, sind mir freundlich begegnet. Als ich mich bei den Gästen meiner Freunde bedankte, die zu meiner Geburtstagsfeier kamen, sagten sie:  „Wir lieben es, zu feiern und wir lieben Menschen.  Erfahrungen mit anderen auszutauschen und Neues zu erfahren, das bereichert unser Leben“.

Reichtum als innere Haltung

Ständig bin ich innerem Reichtum, Lebenserfahrung und –weisheit begegnet. Das hat nichts mit Geld zu tun. Es ist eine innere Haltung und eine Einstellung. Dieser Reichtum erlaubt es den Menschen in Afrika sogar, mit anderen zu teilen, die weniger haben als sie selbst – und das ist wirklich wenig. Es ist ein Teil ihrer Lebenseinstellung.

Ich glaube sogar, dass die Menschen sich nie „arm“ fühlen, denn sie haben doch das Lebensnotwendige. Obwohl es wesentlich weniger ist als bei uns,  scheint es sie nicht so zu belasten. Auch in ihrer Armut haben sie ihre Menschenwürde behalten, denn vielen geht es wie ihnen. Da schaut keiner auf den anderen herab.

Papst Franziskus lud 4.000 Arme ein. In Hinz & Kunzt (Dez. 16) wird das sehr ausführlich beschrieben, ebenso in diesem Artikel von ntv.

Besonders haben mich diese Aussagen angesprochen, weil das genau das ist, was ich in Afrika erlebt habe: Arm ja, unterdrückt sein: nein, ausgebeutet sein: nein und Arm sein: ja, sich aufgeben: nein. Das ist Würde!

Glück kommt von innen

Glück ist niemals von den äußeren Umständen abhängig. Auch in schwierigen Lebenssituationen gibt es Freude, Lachen und Verbundenheit mit anderen Menschen. Zumindest haben es mich diese Menschen gelehrt.

… und bei uns?

Hätten wir nicht allen Grund zufrieden und glücklich miteinander zu leben? Bei uns gibt es so vieles, wovon die Menschen in Afrika nur träumen können. – Deshalb ist für sie noch immer Europa das gelobte Land.

Egal, wie „schlecht“ es dem Einzelnen geht, geht es ihm noch immer wesentlich besser, weil er Hilfe – auch Geld  – erhält. In Afrika wird das „Soziale“ weitgehend von der Familie, meistens den Frauen getragen. Es gibt keine Krankenkasse, keine Sozialämter, die unterstützen.

In Afrika zählt die Gegenwart, die so intensiv gelebt wird, wie es geht..

In Deutschland sehe ich wenig fröhliche Gesichter. Es fühlt sich schwer an. Irgendwie ist es sehr anonym. Vielfach wird nicht mehr gegrüßt oder Danke gesagt. In Afrika spricht fast jeder mit jedem. Es interessiert, wie es dem anderen geht oder was er macht. Auch ich wurde „ausgefragt“.

Ein wenig mehr Mitgefühl, Verständnis und Liebe würde das Leben wieder lebendig machen und die Freude zurückbringen. Öffnen wir unserer Herz, es freut sich darüber  – und unsere Mitmenschen auch!

Zum Schluss

Ich bin so dankbar, all diese Erfahrungen machen zu dürfen. Es schärft meinen Blick und lässt neue Sichtweisen und Denkprozesse entstehen. Mich bestärkt es darin, noch achtsamer und dankbarer zu bleiben und zu leben. Ich sehe mein Hiersein und Leben in der westlichen Welt als ein Privileg und ein Geschenk. Mir ist bewusst, wie dankbar, froh und glücklich ich bin, in unserem Land zu leben. Mit all den Unwägbarkeiten, Unzulänglichkeiten jedoch auch für mich persönlich mit so viel Wohlstand, Reichtum und Annehmlichkeiten, die ich noch mehr zu schätzen weiß.

 

Liebe Grüße, Heide

4 Kommentare

  1. Veröffentlich von Marianne Pfefferkorn am 13. Februar 2017 um 10:19

    Liebe Heide,

    Danke für diesen inspirierenden Artikel, der mich sehr berührt hat. Du weist auf eine sehr ruhige, authentische Weise auf das hin, was wirklich zählt im Leben.

    Herzliche Grüße,
    Marianne



  2. Veröffentlich von Maren Kaiser am 22. Februar 2017 um 12:27

    Ganz generell bin ich sehr dankbar, dass ich im reichen und sicheren Mitteleuropa geboren wurde. Was Lebensfreude, Miteinander, gegenteilige Anteilnahme, Glück aus sich selbst heraus etc. angeht, sind wir wohl noch “Entwicklungsland” wie dieser Reisebericht ahnen lässt.



  3. Veröffentlich von Heide Dierks am 2. März 2017 um 14:04

    Liebe Maren,
    ich danke Dir. Wir sind zwar noch ein “Entwicklungsland”, doch es kann nur besser werden, wenn jeder etwas dazu beiträgt. Du tust es ja auch schon.



  4. Veröffentlich von Heide Dierks am 2. März 2017 um 14:05

    Danke für Deinen Kommentar, liebe Marianne.



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